Unser Indienbesuch im Frühjahr 2010

März 2010

Kinderklinik

Im Januar 2010 hat sich Nico Golembiewski nach Indien aufgemacht, um unsere größte Sorge anzugehen: Die Baugenehmigung für unser kleines  Kinderkrankenhaus in Bolpur. Seit Dezember hat das zuständige Amt wegen Landvermessungen geschlossen - keine Baugenehmigungen würden mehr ausgestellt werden, bis April. So lange wollten wir natürlich nicht warten. Nico ist deshalb spontan nach Indien gereist und hat Kontakt mit dem zuständigen Ministerium aufgenommen. Gemeinsam mit Freunden und Parteikollegen der Minister hat er sich darum bemüht, die Baugenehmigung fürs Kinderkrankenhaus frühzeitig zu erwirken. Nico Golembiewski konnte die Minister überzeugen, innerhalb eines speziellen Treffens unser Anliegen zu diskutieren. Unsere Freunde schätzten die Situation als hoffnungsvoll ein und waren zuversichtlich, so auch wir. Mit diesem neuen Mut begannen sogleich die Arbeit en fürs Kinderkrankenhaus: Die Grundstücksgrenze wurde mit Kreidepulver markiert und die ersten Steine für die Mauer um das Land wurden gesetzt.

Auch bei unserem letzten Besuch im Februar und März 2010 stand der Baubeginn der Kinderklinik ganz im Vordergrund. Die Genehmigung vom Bauamt konnten wir trotz mehrmaligem Einsatz über Freunde und Parteimitglieder nicht vorantreiben. Es wurde uns nur ein „Ja" zugesagt, jedoch ohne Unterschrift, so dass der Baubeginn sich hinauszögert.

Jedoch ist die Mauer um das Grundstück für das Kinderkrankenhaus schon gebaut, ein Brunnen gebohrt und ein Teil der Baumaterialien ist bereits eingekauft. Ein schmiedeeisernes Eingangstor mit Santal-Kunst ist auch schon in Auftrag. In Kalkutta haben wir uns verschiedene Kinderbetten angeschaut und vermessen und unsere Räume noch einmal neu geplant. Auch die Boden- und Wandkacheln haben wir ausgesucht. Besonders waren wir auf der Suche nach Personal und haben Santals aus dem Dorf zur Schwesternweiterbildung geschickt. Auch Kinderärzte zur Mitarbeit wurden angeworben. Die Planungen haben sehr viel Freude gemacht und wir spürten, dass Schwester Phileema mit ganzer Kraft und Engagement dieses Krankenhaus aufbauen wird.

 

Wir freuen uns sehr, dass wir pünktlich zum Ostersonntag ein Geschenk bekommen haben - die Baugenehmigung für die Kinderklinik! Wir sind uns sicher, dass der Bau der Klinik nun schnell beginnen kann. Denn Nico hat bereits im Januar Gespräche mit dem Bauherren geführt und hat gemeinsam mit ihm die Architektenpläne optimiert. Auch die finanzielle Projektabwicklung hat er mit den Schwestern besprochen und die bisherigen Geldeingänge kontrolliert, so dass der Einkauf der Baumaterialien sichergestellt ist. Wir sind froh, dass Nico die Bauplanung so sorgfältig begleitet und die Kinderklinik mit auf einen guten Weg bringt.

Patienten

Im Santal-Dorf Bautijaul fanden wir gleich am ersten Tag das zweijährige Kind Sanjoy, welches gerade 4 kg wog. Es war schwer untergewichtig und mangelernährt mit einem großem Kopf und ganz zarten Armen und Beinen. Angebotenen Kuchen nahm es hungrig an. Es ließ sich ein lautes Herzgeräusch auskultieren. Wir wollten das Kind in Kalkutta in einer Herzklinik untersuchen lassen. Ein sehr nettes Ehepaar aus Kalkutta hatte sich gerade neben dem Dorf angesiedelt und nach einer Einladung zum Tee sich auch spontan bereit erklärt, dieses Kind nach Kalkutta in die Herzklinik zu bringen. Es stellte sich ein angeborener Herzdefekt (Persistierender Duktus Arteriosus) heraus und das Kind benötigt eine baldige Operation. Es kam zunächst ins Dorf zurück, da die Eltern nicht einmal das Zuggeld aufbringen können. Die OP-Kosten wurden auf 1300 Euro angesetzt. Das Kind zeigt einen ausgeprägten Lebenswillen und benötigt dringend diese Operation. So besuchten wir den Direktor des Herzzentrums und klärten ihn über die Armut der Eltern auf, woraufhin er die OP-Kosten auf 600 Euro senkte. Dies können wir über Spendengelder aufbringen und schon Ende März soll die OP stattfinden. Sanjoy wurde in der Zwischenzeit operiert. Er hat die Operation gut überstanden und kann sich nun auf eine gesunde und kräftige Zukunft freuen.

In Bishnubati waren wir auf der Suche nach Kindern von Tuberkulose-Patienten, die eine präventive Behandlung benötigen, um nicht später selbst an Tuberkulose zu erkranken. Kurz vor der Rückfahrt führte uns Boro noch zu einer jungen Frau, deren Beine vor zwei Monaten beim Anbrennen ihres Saris Verbrennungen 2°-3°erlitten hatten. Wir gingen in die Hütte und uns bot sich ein grausamer Anblick dar. Die Frau lag seit zwei Monaten auf dem Bauch unter einem Moskitonetz, beide Beine mit tiefen, offenen, verdreckten und eiternden Wunden. Wir legten sie draußen auf eine Liege auf eine Plastikplane und spülten die Wunden und verbanden sie. Die Frau wurde zwei Monate von einem Medizinmann betreut, der Heilkräuter und Erde auf die offenen Wunden legte. Wir impften gleich gegen Tetanus, nachdem gerade ein junger Familienvater im Dorf nach einer Wundinfektion an Tetanus gestorben war. Nach mehrmaliger Wundbehandlung sahen die Beine schon deutlich besser aus und wir hoffen, dass die junge Frau in einem Monat wieder gut laufen kann.

Mansumi, unser Sorgenkind aus Bautijaul, das an einer Beinlähmung beidseits (Hemiparese) leidet, und bereits seit einem halben Jahr regelmäßig Physiotherapie bekommt, hat uns durch ihr fröhliches Lachen und ihren Lebenswillen auf die Suche nach weiterer Hilfe geführt. In dem Neurologen Dr. Swapan aus Kalkutta haben wir einen Unterstützer und interessierten Helfer gefunden, der uns auch weiterhin bei unserem Krankenhausaufbau unterstützen möchte. Er hat bei ihr einen Wirbeldefekt gefunden, der sich operieren lässt. Dies wollen wir auch in den nächsten Wochen angehen.

Ernährungsprogramme

In Ghosaldanga und Bishnubati wurden unsere 2-jähringen Ernährungsprogramme beendet. Die Kinder haben nicht so sehr an Gewicht zugenommen, jedoch sind sie in einem deutlich verbesserten Gesundheitszustand und seelisch-geistig aufgeblüht. In drei weiteren Dörfern haben wir für die untergewichtigen, mangelernährten Kinder ein neues Feeding-Programm eingeführt. In zwei Dörfern hat der Bau von Waschhäusern und Latrinen zu einer verbesserten Hygiene beigetragen. Mit handgemalten Hygieneplakaten und Nahrungspostern werden neue Ess-Gewohnheiten eingeübt. Wir haben auch Saatgut verteilt, das für einen Küchengarten angelegt werden soll. Eingeschlossen sind bei diesem Ernährungsprogramm auch die Schwangeren, die dabei eine regelmäßige Vorsorge bekommen. Die Kinder werden hier auf Augenerkrankungen, Wurmerkrankungen, Hautinfektionen sowie Durchfallserkrankungen regelmäßig untersucht.

Bäckerei

Ganz wichtig war uns die Wiederinbetriebnahme der Bäckerei. Dazu haben wir einen Bäcker aus der Stadt ins Dorf geholt, der ein nahrhaftes, dunkles Brot mit Karotten, Nüssen und Datteln gebacken hat. Auf einem Dorffest ging dieses Brot weg wie warme Semmeln. Nun wollten wir unser Glück auch auf dem städtischen Markt versuchen. Im Dorf schenkten uns unsere Helfer wenig Glauben an einen guten Verkauf und waren kaum zu überzeugen, mitzumachen.

Also mussten wir die Sache selbst in die Hand nehmen. Wir stellten uns mit einer Alukiste mit frischem Brot an die Hauptstraße neben den Marktständen. Silvi schwenkte ein schön gemaltes Tuch mit der Aufschrift „Indian-German-Brown-Bread" und lächelte charmant jeden Vorbeikommenden an. Ich pries das Brot in hohen Tönen über seine großen Nährwert an und konnte sogleich Studenten und Professoren der naheliegenden Universität überzeugen. Ein Polizist schaute unser Brot an, probierte es und rief laut auf die Straße: „Indian-German-Brown-Bread" und machte begeisternd mit, bei der Werbung. Nach zwei Stunden waren alle Brote verkauft, und wir mussten die weiteren Kunden auf den nächsten Samstag vertrösten.

Dies hatte nun auch unsere Helfer aus dem Dorf überzeugt, die jetzt auch bereit sind, jede Woche Brot zu backen und es auf den Markt zu bringen. Natürlich ist ein Backtag für unsere Kinder reserviert, wo überall in den Dörfern Brot verteilt wird. Brot, das wir teilen......... wird zu einem wahren Segen.

Patenkinder

Mit Freude konnten wir feststellen, dass besonders die kleinen Kinder an Gewicht zugenommen und sich gut entwickelt hatten. Die Eltern engagieren sich dafür nun im Schulgarten, wo sie bei den Anpflanzungen und Gartenpflege helfen. Die Kinder bekommen monatlich Care-Pakete mit Nahrung und Waschzubehör. Das restliche Geld wird auf ein Konto angelegt, wovon für die Familie Notdürftiges besorgt werden oder Schulgeld bezahlt werden kann. Sona betreut die Pateneltern und schaut, wo ihre Bedürfnisse liegen. Er konnte jetzt für das blinde Kind Dharam Hembrum eine Schulaufnahme in der Rama Krischna Mission in Kalkutta erreichen. Dadurch bekommt er eine gezielte Förderung und kann die Blindenschrift erlernen.

Tuberkulose-Programm

Die Hostel-Studenten haben ein TB-Aufklärungstheaterstück einstudiert, das beim Frühlingsfest der Santals aufgeführt wurde. Es wurden die typischen Krankheitsgeschichten mit ihren Symptomen und ihrer sozialen Ausgrenzung und Behandlungsmöglichkeiten in einem dramatischen Stück aufgeführt. Es waren 1000 Besucher anwesend, und es fand eine große Resonanz. Die Studenten bekamen schon eine Einladung nach Kalkutta zu Ärzte für die Dritte Welt, um dort ihr Stück auch aufzuführen.

Aus verschiedenen Dörfern haben wir Helfer zur Tuberkuloseerkennung ausgebildet, und sie zusammen mit unserem DOTS-Provider Satya zu einem gezielten Dorfscreening angeleitet. Besonders die Kinder von TB-Eltern sollen eine präventive Therapie erhalten. Die TB-Kranken sollen von Satya auch mit Zusatznahrung und notwendigen Zusatzmedikamenten versorgt werden.

Dorfambulanz

Wir haben nun einen indischen Arzt, der ein Mal pro Woche Sprechstunde in der Ambulanz abhält. Es kommen zunehmend aus den umliegenden Dörfern Patienten.

Weiterbildung

Unsere Gesundheitshelfer werden zur Weiterbildung in einen einfachen Krankenpflegekurs in umliegende Zentren geschickt. Wir wollen sie auch an das neue Krankenhaus anbinden, damit sie die Nachsorge der Patienten betreuen können.

Eine junge Frau aus Bishnubati hat ein schweres Schicksal: Sie ist eine der wenigen Frauen, die ein Hochschulstudium begonnen hatte. Sie wurde verheiratet und wurde im Dorf ihres Mannes schlecht behandelt und musste nach Hause zurückkehren. Dort war sie dann zur Feldarbeit verdammt. Sona brachte sie zu uns und wir boten ihr die Ausbildung in einem Computerkurs an. Aus traurigen Augen wurden leuchtende Augen. Mit voller Freude willigte sie ein in unserem Krankenhaus in der Rezeption mitarbeiten zu wollen.

 

Besuch

Wir bekamen Besuch von Dr. Lisa Sous, Leiterin von Ärzte für die Dritte Welt, die unsere Dorfarbeit sehr interessierte und wertschätzend angenommen hatte. Sie wolle uns auch weiterhin unterstützen.

Solaranlagen

Im Januar hat Nico Golembiewski die von ihm bereits installierten Solaranlagen auf ihre Funktionstüchtigkeit überprüft und einige kleinere Verbesserungen vorgenommen. Da er aufgrund seiner Arbeit in Deutschland nur wenige Tage in Indien verbringen konnte, war es ihm diesmal nicht möglich, neue Solar-Systeme aufzubauen. Und so wird die Auftragsliste für Nico länger und länger. Mehrere Dörfer haben bereits Solar-Licht für ihre Abendschulen im Dorf angefragt. Der Aufbau einer Biogasanlage, die von den Familien im Dorf zum Kochen genutzt werden kann, ist im Gespräch. Dr. Chittaram, der einmal in der Woche in unsere Dorfambulanz kommt, wünscht sich für seine Praxis ebenfalls Solarlicht. Und bei unserer Reise im Februar und März kamen zwei weitere Aufträge für größere Zentren in Indien hinzu.

Resumée

Wir können zufrieden zurückreisen und dankbar auf das Erreichte zurückschauen. Unsere Helfer sind voller Ermutigung und Stärkung, das Erreichte fortzusetzen. Deutlich spüren wir, wie Gottes Segen uns begleitet und ein gutes Gefühl zurückbleibt. Die Freundschaft und tiefe Verbundenheit zwischen uns und unseren Helfern ist das tragende Gerüst dieser schönen Arbeit.

 


(März 2010)

Indien-Bericht Frühjahr 2010.pdf
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